Rückkehr in die Heimat

Interview mit einem einst mächtigsten Deutschen im Vatikan

Erzbischof Gänswein besucht Familie Mack im Europa-Park / Flug über Europa im „Voletarium“ / Gedankenaustausch mit den Seelsorgern im Europa-Park: „Die Kirche muss zu den Menschen kommen“

Hoher Besuch aus dem Vatikan im Europa-Park: Erzbischof Georg Gänswein hatte Europa-Park-Chef Roland Mack schon vor Jahren zugesagt, in den Europa-Park zu kommen. Jetzt nutzte er einen Urlaub in seiner Heimatgemeinde in Riedern am Wald im Südschwarzwald zu einem Ausflug in den Europa-Park.

Gänswein war fasziniert vom atemberaubenden Flug über Europa im „Voletarium“, dem europaweit größten Flying Theater. Der Kurien-Erzbischof im Vatikan traf sich mit den Europa-Park-Inhabern Jürgen und Thomas Mack zum Gedankenaustausch. Im Europa-Park gibt es mehrere sakrale Orte wie die norwegische Stabkirche und ein katholischer sowie ein evangelischer Seelsorger bieten dort Seelsorgedienste an, finanziert von ihren jeweiligen Kirchen.

Jürgen Mack: „Wir sind alle sehr beeindruckt von der sympathischen Art und der großartigen Persönlichkeit von Erzbischof Gänswein. Für die Familie Mack und auch alle Mitarbeiter des Europa-Park war es eine große Ehre, dass uns einer der engsten Vertrauten des früheren Papstes Benedikt XVI. besucht hat.“ Ausführlich besichtigte Georg Gänswein die original norwegische Stabkirche und die Kapelle im Hotel „Santa Isabel“, wo Gottesdienste, viele Hochzeiten und Taufen abgehalten werden. Die beiden Seelsorger Andreas Wilhelm und Martin Lampeitl von der „Kirche im Europa-Park“ informierten den hohen Gast aus dem Vatikan über ihre Arbeit in Deutschlands größtem Freizeitpark.

emotional pur sprach mit Erzbischof Georg Gänswein.

Was führt Sie in den Europa-Park?
Georg Gänswein: Ich wurde schon vor Jahren von Roland Mack eingeladen und heute bin ich da. Was versprochen wurde, habe ich heute eingelöst.

Sie stammen ja aus dem Schwarzwald, ist der Aufenthalt Teil Ihres Urlaubs?
Gänswein: Ja, ich stamme aus Riedern am Wald im Südschwarzwald und bin im Sommer meistens zwei Wochen hier. Ich war übrigens als Kaplan kurz nach meiner Priesterweihe in Oberkirch. Zum Abschluss meiner Zeit dort bin ich mit meinen Gruppenleitern der Ministranten 1986 in den Europa-Park gekommen. Das ist über 30 Jahre her und ist mir noch in sehr guter Erinnerung. Es hat sich unglaublich viel verändert. 


Also Freizeitpark und katholische Kirche sind keine Gegensätze?
Gänswein: Was wir hier erleben ist Freude! Wenn Sie das Evangelium nehmen, ist das Wort Freude eines der meist gebrauchten Worte aus dem Munde Christi. Der Europa-Park bietet für Jung und Alt etwas, was zur Freude führt. Ich bin heute hier durchgegangen und die Kinder, die Familien, ganz viele Menschen freuen sich. Der Europa-Park bietet eine Kombination aus Natur und Kultur. Das ist ja auch etwas Christliches. 


In den Europa-Park kommen auch viele gläubige Menschen. Zwei Geistliche, ein katholischer und ein evangelischer, betreuen die Besucher seelsorgerisch. Es gibt viele Hochzeiten, Taufen und andere Feste. Muss die Kirche zu den Menschen kommen, wenn viele Menschen nicht mehr in die Kirche gehen?

Gänswein: Wichtig ist, dass die Kirche den Menschen begegnet und sich die Menschen darauf einlassen. Die Frage des Begegnungsortes hat sich vielleicht in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Kirche auf die Menschen zugeht und sie dort trifft, wo sie häufiger sind als in der Kirche. Der Europa-Park ist so ein Ort neuer Art, den wir als wichtig einschätzen sollten.

Sie sind seit mehr als 35 Jahren Priester, haben Sie es jemals bereut?
Gänswein: Ich habe den Beruf ergriffen, weil ich Freude an der Theologie hatte und bin sehr schnell in diese Aufgabe hineingewachsen, um die Botschaft des Evangeliums zu verkünden. Ich habe es nie bereut. 


Es ist ja schon atemberaubend. Hätten Sie es als junger Mensch jemals für möglich gehalten, dass Sie einmal zum Erzbischof im Vatikan aufsteigen könnten?
Gänswein: Damit hatte ich nie gerechnet. So etwas lässt sich auch nicht planen. Ich sollte ursprünglich für zwei, drei Jahre in den Vatikan, um auszuhelfen. Und wie so oft im Leben, es sind die Provisorien, die lange halten.

Georg Gaenswein zu Besuch im Europa-Park.

Wie groß ist Ihr Optimismus, dass die katholische Kirche ihre Krise überwinden und gestärkt daraus hervorgehen kann?

Gänswein: Ich bin sehr optimistisch. Wir dürfen ja nicht nur auf Deutschland blicken, sondern auf die Kirche in der ganzen Welt. Dort sieht es anders aus. Auch was Deutschland betrifft: Ich bin Priester aus Deutschland und ich fühle die Not und die Schwierigkeiten der Kirche in meiner Heimat. Ich bin überzeugt davon, dass mit der Rückbesinnung auf die Urbotschaft, auf die eigentlichen Grundelemente des Glaubens, wir tatsächlich aus dieser Krise herauskommen. Wir haben eine neue Perspektive für die Zukunft.

Sie sind nach wie vor Privatsekretär des emeritierten deutschen Papstes Benedikt und waren als Erzbischof auch für Papst Franziskus zuständig. Wie ist das zu schaffen?
Gänswein: Die Kraft für die Dienste, die ich gerne mache, die mir viel abverlangen, schöpfe ich aus dem Glauben. Indem ich Papst Franziskus gedient hatte, indem ich Papst Benedikt diene, diene ich letztlich dem Herrn. Der Priester ist ja derjenige, der die Aufgabe des Herrn 2.000 Jahre später übernommen hat, und jeder versucht auf seine Weise, die Talente, die er bekommen hat, so einzusetzen, dass er mehr daraus macht. Ich habe diese Aufgabe bekommen und versuche sie auszufüllen.

Wie geht es Papst Benedikt?

Gänswein: Im Kopf ganz klar. Die körperlichen Kräfte beim  Gehen, beim Aufstehen lassen sehr nach. Er ist schneller müde, wenn er arbeitet, aber mit über 93 darf das ja auch sein. Er verfolgt sehr genau, was in der Kirche passiert.

Sie leben seit Jahrzehnten in Rom, eine der schönsten Städte der Welt. Was aus dem Südschwarzwald vermissen Sie mitunter in Rom?

Gänswein: Im Sommer die kühleren Nächte und ein gutes kühles Bier. Das gibt es zwar in Rom auch, aber hier im Schwarzwald schmeckt es besser. Manchmal fehlt mir einfach die Heimatluft, im direkten und auch im übertragenen Sinne.

Sie haben Rom als zweite Heimat angenommen? 

Gänswein: Sonst würde es nicht funktionieren. Manchmal muss man einfach den Radar neu ausrichten. Von den 22 Jahren in Rom bin ich 17 Jahre im Vatikan.

Sie haben vorhin von der Seelsorge und Ihrer Zeit in Oberkirch gesprochen. Da war es sicher einfacher, den Menschen zu begegnen?
Gänswein: Das vermisse ich tatsächlich. Eine persönliche Seelsorge gibt es nicht mehr, etwa wie in der Zeit als Kaplan. Ich versuche deshalb, wo es geht, die Einladung zu Gottesdiensten anzunehmen.

Erzbischof Georg Gänswein mit Jürgen und Mauritia Mack während seines Besuchs im Europa-Park. Eingerahmt werden sie von den Seelsorgern im Europa-Park, Andreas Wilhelm (links) und Martin Lampeitl. Der evangelische Diakon Lampeitl ist in der Zwischenzeit in den Ruhestand gegangen, seine Nachfolgerin ist die Diakonin Andrea Ziegler.

Sie sind offiziell noch Priester der Erzdiözese Freiburg? 

Gänswein: Ein Priester bleibt in der Diözese, in der er geweiht worden ist. Ich gehöre zum Klerus der Erzdiözese Freiburg. 


Die Inhaberfamilie Mack bekennt sich offen zum Glauben und lässt auch alle wichtigen Attraktionen segnen. Wie sehen Sie das?


Gänswein: Davor habe ich höchsten Respekt. Es ist ein Glaubenszeugnis. Es geht doch darum, dass wir den Segen Gottes über uns als Menschen herabrufen, auch über die Natur und Dinge, die wir geschaffen haben. Ich freue mich, dass die Familie Mack den Mut und die Klarheit hat, auch eine neue Attraktion segnen zu lassen. Ich finde das ausgezeichnet. 

Was gefällt Ihnen im Europa-Park? 


Gänswein: Es hat sich viel verändert. Es ist gewaltig, was hier alles passiert ist. Welche Attraktionen und Gebäude hier entstanden sind. Die europäischen Themenbereiche sind sehr schön. Die Deutsche Allee mit Alexanderplatz ist doch auch pädagogisch für Klein und Groß toll gemacht. Der Europa-Park ist ein Zeugnis für Europa. Nomen est omen. Ich weiß nicht, wer auf diesen großartigen Gedanken gekommen ist …

… Roland Mack …
Gänswein: … das ist doch prophetisch, diesen Park nach Europa zu benennen. Das ist eine Klammer, die hoffentlich auch im richtigen Europa so stark bleibt. 


Wie wichtig ist Ihnen das Zuhause im Schwarzwald?
Gänswein: Ich habe viele Freunde und Verwandte hier, ich verhalte mich so, wie es früher auch war. Meine Eltern sind gestorben, ich habe vier Geschwister, fühle mich sehr wohl hier. Ich habe noch eine kleine Wohnung, das ist mein Rückzugsort.

Schenken Sie uns eine Lebensweisheit?

Gänswein: Trau, schau, wem! Und: Wenn Du etwas anfängst, führe es zu Ende.

Von Horst Koppelstätter