Brückenschlag nach Frankreich

Emotional pur sprach mit dem Architekten Jürgen Großmann über die Freundschaft zu Frankreich, das neue Europäische Forum am Rhein und den Europa-Park

Jürgen Grossmann

Wie kam es überhaupt zur Idee „Europäisches Forum am Rhein“?
Jürgen Grossmann: Der Bürgermeister von Neuried kam vor vielen Jahren auf mich zu: Das Regierungspräsidium hatte ihn gebeten, ob man am heutigen Standort des Europäischen Forums am Rhein ein Projekt mit Konferenzraum realisieren könne, wo aus aller Welt anreisende Besucher sich über das Poldergebiet und das integrierte Rheinprogramm informieren können. Das Problem an der Sache war, dass keine finanziellen Mittel zur Verfügung standen. Weder für den Bau, noch für einen Mietzins. Das war der Anfang. Meine Motivation war recht einfach. Ich kannte diesen Ort. Einen unbefestigten Parkplatz mit Trafostation – aber an einer landschaftlich wunderbaren Stelle, an der Nahtstelle zwischen Deutschland und Frankreich. Hier etwas Schönes und Sinnvolles zu bauen, faszinierte mich von der ersten Sekunde an.

Gab es Zweifler, als Sie das Projekt zum ersten Mal bekannt gemacht haben?
Grossmann: Zweifler gibt es immer, egal was man tut. Bei meinen Projekten ist es oft so, dass sie im öffentlichen Interesse stehen und so habe ich oft auch öffentliche Diskussionen, sei es in der Presse, in den sozialen Medien oder am Stammtisch. Schlimmer als die Zweifler sind jedoch die Gegner, von denen ich natürlich auch immer welche am Start habe.

Europäisches Forum am Rhein

Wie hoch war das Risiko, zu scheitern?
Grossmann: In Prozent würde ich sagen: 90. Einerseits war es ein verwahrloster Parkplatz der Landesstraße 98 mit etwa 30.000 Fahrzeugen Frequenz, den Lkw-Fahrer und Camper als Nachtquartier nutzten. Aber es gab Menschen, die haben sich verhalten, als hätten wir eine Orchideenwiese im Taubergießen bebauen wollen. Aber dieses Thema war nur eines von vielen. Die Pierre-Pflimlin-Brücke war die erste Brücke, die nach dem Schengener Abkommen gebaut wurde und so hat sie keine Grenzstation mehr, keinen Zoll, keine Polizei und damit auch keine Infrastruktur. Ich musste also zuerst Strom organisieren, eine eigene Wasserversorgung bohren, eine Kläranlage bauen und eine Funkverbindung für das Internet einrichten. All das musste genehmigt werden und ist in der Abwicklung kein Standard. Ein Glück war, dass bereits Jahre zuvor die Politik im Weißbuch Ortenau/Straßburg diesen Ort als möglichen Standort für eine Bebauung vorgesehen hatte.

Nun ist das Rheinforum sehr erfolgreich, gibt es da auch Neid?
Grossmann: Deutschland steht in meinen Augen leider immer für Neid. Vielleicht haben wir den sogar erfunden? In jedem Fall muss man damit leben können.Sie stehen für eine sehr klare, moderne und auch qualitätsvolle Architektur.

Haben wir zu wenig gute Architektur in Deutschland?
Grossmann: Leider ja! Stattdessen gibt es viel zu viel schlechte Architektur. Und diese Entwicklung wird von kurzfristigen Wirtschaftlichkeitsaspekten getrieben. Das unsägliche Geiz-ist-geil-Thema hat ganz Deutschland und jede Branche beeinflusst. Wir haben das Glück, viele Projekte für inhabergeführte Unternehmen umsetzen zu dürfen. Und da ist es zwischenzeitlich so, dass unsere Kunden Architektur als Statement nutzen. Als Wettbewerbsvorteil. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der sich Mitarbeiter aussuchen können, bei wem sie arbeiten möchten. Dabei spielt Architektur durchaus eine Rolle.

Muss gute Architektur teurer sein?
Grossmann: Nein. Aber natürlich ist eine Kiste mit Löchern drin immer die billigste Lösung.Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit beim Bauen aus?Grossmann: Nachhaltige Architektur mache ich am Thema der Zweit- oder Drittnutzung fest. Das ist ein Thema, das viele Kunden nicht verlangen und viele Architekten nicht berücksichtigen. Da wir aber nicht nur als Architekten, sondern selbst auch als Investoren tätig sind, haben wir einen anderen Blick für dieses Thema. Wenn ich ein Projekt plane, denke ich immer darüber nach, wie eine andere Nutzung dafür möglich ist. Denn eines ist sicher: Der Abbruch eines Gebäudes und die Errichtung eines Neubaus verschlingen extrem viele Ressourcen und haben ökologisch eine kata-strophale Bilanz.

Wie ist die Zusammenarbeit beim Rheinforum mit dem Europa-Park?
Grossmann: Wenn unsere Hochrechnungen stimmen, haben wir bereits im ersten Jahr im Forum und auf dem Gelände mit dem Auenwildnispfad, den Wander- und Fahrradwegen sowie dem Wassersportclub eine Frequenz von etwa 800.000 Menschen und sind damit fast bei den Zahlen des Mummelsees angekommen. Für die Kinder hat der Europa-Park sowohl im Innen- als auch im Außenbereich Spielplätze angelegt und auf der Großfläche bewirbt er seine aktuellen Themen. Weitere Kooperationen sind angedacht – auch mit dem Theater Baden-Alsace (BAAL).

Weshalb spielt Frankreich eine so wichtige Rolle hier entlang des Rheins?
Grossmann: Frankreich ist unser Nachbar. Und Frankreich ist mit Deutschland zusammen der Fels in der europäischen Brandung. Insofern verbindet uns unsere Nachbarschaft, aber auch ein gemeinsames Interesse, nämlich den Zusammenhalt Europas. Und obwohl es vieles gibt, wo wir uns sehr nahe sind – ich würde hier in allererster Linie die Kulinarik erwähnen –, gibt es auch vieles, wo wir sehr unterschiedlich sind. Um uns zu verstehen, müssen wir eines ohne Wenn und Aber tun: Wir müssen miteinander sprechen! Deshalb bin ich davon überzeugt, dass jedes Kind entlang der Grenze und am besten auch darüber hinaus sowohl Deutsch als auch Französisch lernen muss. Daher unterstütze ich auch das Eurodistrict-Theater im Europäischen Forum am Rhein, da sich dort deutsche und französische Kinder treffen.

Was würden Sie gerne noch bauen?
Grossmann: Früher war es mal ein Hochhaus. Heute eher ein Museum. An beiden Themen arbeite ich gerade – mal sehen ob’s klappt.

Das Gespräch führte Horst Koppelstätter